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Jugenddorf im Einsatz gegen Food Waste

Die Schweizer Tafel beliefert das Jugenddorf Knutwil seit fast 10 Jahren. Die Lebensmittel werden für die Bewohner, die hauseigene Cafeteria und bei Anlässen verwendet. Dabei beweist die Institution für verhaltensauffällige junge Männer viel Engagement und Kreativität.

Auf dem Land zwischen Luzern und Aarau inmitten von Feldern, grünen Hügeln und kleinen Dörfern liegt Bad Knutwil. Schon von weitem ist die blaue Lagerhalle der Mineral­quelle Bad Knutwil zu sehen. Wer durch den Weiler fährt, sieht Werkstätten, welche die Strasse säumen. Es fällt auf, dass das Logo des Jugenddorfes an vielen Hauswänden und Stelen ange­bracht ist.

In der sozialpädagogisch ausgerichteten Institution leben und arbeiten 49 junge Männer im Alter von 14 bis 25 Jahren. Sie alle sind nicht freiwillig hier. «Die bei uns eingewiesenen Jugendlichen fallen oft mit Verhaltensauffälligkeiten, Delin­quenz, Suchtverhalten oder durch eine Hierarchieumkehr in der Familie auf», erklärt Oskar Schöpfer, Bereichsleiter Ausbildung, Produktion & Dienstleistungen. So gebe es etwa 14-jährige, die ihrer Mutter eröffnen, dass sie statt in die Schule zukünftig vermehrt in den Ausgang gehen werden und sich generell nichts mehr sagen liessen. «Die Aufgabe des Jugenddorfes ist es, sie wieder an eine Tagesstruktur heranzuführen und sie für die Welt da draussen fit zu machen», ergänzt er.

In Bad Knutwil werden die jungen Männer abgeklärt, beenden die obligatorische Schulzeit oder absolvieren eine Ausbildung. Dabei werden sie rund um die Uhr während 365 Tagen betreut. Um diese intensive Begleitung zu gewährleisten, werden im Jugenddorf rund 62 Vollzeitstellen für Fachkräfte angeboten.

Schulabschluss und Ausbildung

Alle Programme, welche die Klienten im Jugenddorf durchlaufen, sind an Ziele gebunden. Erste Priorität ist der Schulabschluss. «Ohne Abschluss ist es wirklich schwierig bis unmöglich, in der Arbeitswelt erfolgreich Fuss zu fassen», sagt der Leiter Küche Pius Matter. Einen Schritt weiter in Richtung Ausbildung geht es in den Produktions- und Dienstleistungsbetrieben des Jugenddorfes. Dort können acht verschiedene Berufe erlernt werden. So zum Beispiel Schreiner, Metallbauer, Maler oder Koch.

Die Ausbildungsbetriebe bieten ihre Produkte und Dienstleistungen im freien Markt an. Eine grosse Verantwortung für die Berufsbildner, welche die Lernenden ausbilden. Beim Eingang der Betriebe fallen Plakate mit einer Art «Best of» auf. Dazu gehören kreative Metallarbeiten, eine gelungene Malerarbeit oder ein schönes Möbelstück. Schöpfer sagt dazu: «Die Jugendlichen sind sehr stolz, wenn sie ihre Arbeiten hier sehen. Das fördert die Freude am Beruf.»

Selbstverständlich gibt es im Jugenddorf nicht nur Erfolgsgeschichten. «Nur weil die jungen Männer bei uns sind, ist ihr Rucksack mit Problemen nicht plötzlich einfach weg», sagt Schöpfer dazu. Oft scheitere es am ungenügenden Sozialverhalten, was dann auch zu Lehrabbrüchen, vereinzelt sogar im letzten Lehrjahr, führen kann. «Das sind dann Situationen, die einem auch emotional belasten können», sagt Matter.

Die Küche als Motor

Der Koch und Ausbildner hat eine wichtige Aufgabe im Jugenddorf. Er ist für den optimalen Betrieb der Küche verantwortlich – den Motor des Ortes. In der Küche arbeiten neben Matter zwei weitere Köche. Aktuell bildet die Küche zwei Lernende aus. Dazu kommen zwei bis fünf junge Männer, die Arbeitseinsätze leisten oder Schnupperlehren absolvieren.

Die Küche sorgt für das leibliche Wohl der Klienten und Mitarbeitenden und bietet einen Mittagstisch in der hauseigenen Cafeteria, zu dem auch Mitarbeitende der umliegenden Betriebe kommen. Das dritte wichtige Standbein der Jugenddorf-Küche ist das Catering für Firmen- und Privatanlässe. Für solche verfügt das Jugenddorf über eine Auswahl an Veranstaltungsräumen.

Zusammenarbeit mit der Schweizer Tafel

Das Jugenddorf arbeitet seit 2012 mit der Schweizer Tafel zusammen. Zweimal pro Woche kommt eine Tour vorbei. «Die Zusammenarbeit begann, weil wir etwas gegen Lebensmittelverschwendung unternehmen wollten», erinnert sich Schöpfer, der bereits seit zehn Jahren im Jugenddorf arbeitet. Anfangs habe die Kooperation Nebengeräuschen ausgelöst. «Manche waren gegenüber den ‚halbabgelaufenen‘ Lebensmitteln skeptisch». Doch die Vorurteile hätten sich schnell gelegt. «Die Schweizer Tafel ist eine gute Ergänzung zum Tageseinkauf», findet Matter.

Der Küchenleiter macht aktuell eine Weiterbildung zum Arbeitsagogen. Denn die Situation ist anders als in anderen Ausbildungsbetrieben. «Wenn wir gerade alle Hände voll zu tun haben und ein Jugendlicher taucht einfach nicht auf oder verweigert die Arbeit, ist das eine Herausforderung», erklärt er. Sein Ziel ist Vertrauen zu den jungen Männern aufzubauen und ihnen Verantwortung zu übertragen. «Relativ schnell können sie etwa ein Dessert selber machen oder ich gebe ihnen ein Muffin-Rezept mit, das sie auf der Wohngruppe ausprobieren können. Solche Erfolgserlebnisse stärken ihr Selbstwertgefühl».

Auch am Eingang der Küche hängt ein «Best of»-Plakat. Es zeigt Momente, in denen die jungen Männer in schön dekorierten Räumen appetitliche Apéro-Platten und Menü-Kreationen präsentieren.

Einsatz gegen Food Waste

Matter möchte den jungen Männern im Jugenddorf aufzeigen, dass Lebensmittel einen besonderen Wert haben. Regionales Einkaufen und das Vermeiden von Food Waste sind ihm wichtig. Die Lieferungen der Schweizer Tafel seien dafür eine gute Übung: «Wir wissen meist nicht, was wir bekommen und so sind Schnelligkeit und Kreativität gefragt. Oft erhalten wir Produkte, die schnell gegessen oder verarbeitet werden müssten», sagt Matter. Aus Früchten stellen er und sein Team etwa Konfitüre oder Glace her. Gemüse legen sie ein und machen Saucen daraus.

Nach der fast 10-jährigen guten Zusammenarbeit feiert die Schweizer Tafel ihr zwanzigstes Jubiläum in den Räumlichkeiten des Jugenddorfes. Das Küchenteam wird dafür einen der Veranstaltungsräume festlich dekorieren lassen und die Gäste kulinarisch verwöhnen.

Zum Jubiläum der Schweizer Tafel findet der Koch lobende Worte: «Ich wünsche der Schweizer Tafel viel Durchhaltevermögen auch für die ganze Überzeugungsarbeit, die sie leistet», sagt er. Und Schöpfer ergänzt: «Der Food-Waste-Gedanke wird immer wichtiger. Das ist sicher auch der Pionierarbeit der Schweizer Tafel zu verdanken. Ich wünsche mir, dass diese mehr anerkannt wird».

Über das Jugenddorf

Das Jugenddorf Knutwil ist eine Institution, die der Abklärung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie der Durchführung von zivil- und strafrechtlichen Massnahmen dient. Es stehen 49 Plätze für ausschliesslich männliche junge Erwachsene aus Deutschschweizer Kantonen zur Verfügung. Ab August 2021 bietet das Jugenddorf mit dem Programm «stabil» zudem ein Angebot für Jugendliche an, in dem die psychische Stabilisierung im Vordergrund steht.

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2021-08-30T20:45:15+02:00
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