10. Juli 2023

Al Oron t'aide - Ein Ort der Begegnung und Unterstützung

Im September 2019 öffnete Al Oron t'aide seine Türen – fünf Personen holten Essen ab. Heute versorgt die Abgabestelle wöchentlich fast 170 Menschen.

Ein Montag bei Al Oron t'aide

Es ist 13 Uhr im Verteilzentrum des Vereins Al Oron t'aide. Zwei Lieferwagen der Schweizer Tafel warten bereits vor dem Eingang, ein dritter wird später eintreffen. Vereinspräsident Henri-Louis Doge – von allen H-L genannt – ist noch unterwegs. Er holt Sandwiches und Brot von einer Bäckerei ab, die ihre unverkauften Waren vom Wochenende spendet.

Als er ankommt und die Türen öffnet, werden die Freiwilligen sofort aktiv: Kisten aus den Lieferwagen laden, Waren umsortieren, alles ins Lager bringen. Das Team ist eingespielt, jeder Handgriff sitzt.

Danach geht es gleich weiter in den ersten Stock: Die Waren werden sortiert und gleichmässig auf Kisten verteilt – für ein oder zwei Personen, mit oder ohne Schweinefleisch. Ich, Giulia Brawand, bin beeindruckt von der Effizienz und Schnelligkeit.

H-L erklärt mir, dass die Empfänger:innen früher ihre Waren selbst auswählen konnten. «Mit der wachsenden Zahl nimmt das aber zu viel Zeit in Anspruch.» Ob andere Ernährungsgewohnheiten berücksichtigt werden? «Eine Person ist Veganerin – wir stellen ihre Kiste entsprechend zusammen. Beim Einpacken können unerwünschte Lebensmittel zurückgelassen werden. Und wenn jemand nicht um 15.30 Uhr kommen kann, stellen wir die Kiste nach draussen. Wir finden immer eine Lösung.»

Obwohl die Abgabe erst um 15.30 Uhr startet, kommen die ersten bereits um 14 Uhr. Sie zeigen ihre Begünstigtenkarte, zahlen 1 Franken als symbolischen Beitrag und warten draussen, bis sie aufgerufen werden.

«Die Begünstigten erhalten ihren Ausweis von der IV oder vom Sozialamt», erklärt H-L. «Wir haben aber noch die ‹Nachbarschaftskarte› eingeführt: für Menschen, die knapp über der Armutsgrenze leben und deshalb gar keine Unterstützung erhalten. Ein Komiteemitglied kann in solchen Situationen eine Karte vergeben.» Er wird ernst: «Das Problem ist, dass die Zahl der Bedürftigen ständig steigt. Unsere Kapazitätsgrenze liegt bei etwa 200 Personen. Wenn wir sie erreichen, müssen wir Menschen abweisen.»

 


 

 


 

Während die Freiwilligen weiterarbeiten, frage ich H-L nach seiner Motivation. «Ich war Lehrer, habe immer gerne Lager und Aktivitäten organisiert – aber nie alleine! Ich bin sehr dankbar für all diese hilfsbereiten, effizienten und grosszügigen Freiwilligen.» Er ist sichtlich gerührt. «Jeden Montag kommen zehn bis zwölf Personen. Insgesamt teilen sich etwa 50 Freiwillige die Schichten – mindestens einmal im Monat. Ich bin der Leiter, aber ich erteile keine Befehle. Ich frage nach Meinungen, die Leute haben oft gute Ideen.»

Dann seufzt er: «Die Arbeit ist anstrengend, die Kisten sind schwer, der Altersdurchschnitt ist hoch. Es wäre schön, ein paar junge Leute zu finden, die bereit wären, die Nachfolge zu übernehmen.»

Um 15.30 Uhr öffnen sich die Türen. In kleinen Gruppen werden die Menschen aufgerufen und zu ihren Kisten im ersten Stock geführt. Auf dem Weg nach unten können sie noch Salate, Kartoffeln und Bananen mitnehmen – in Selbstbedienung.

Heute gibt es eine Überraschung: Zum ersten Mal hat die Schweizer Tafel Glace geliefert. Bei 30 Grad Aussentemperatur eine willkommene Erfrischung! Es ist genug für alle da. Kinder und Erwachsene strahlen um die Wette – und auch die Freiwilligen freuen sich.

 


 

 


 

Ein Ort der Begegnung

Al Oron t'aide ist vor allem ein Ort der Begegnung. Das Gemeinschaftsgefühl ist spürbar – bei den Freiwilligen, die sich treffen, um gemeinsam Gutes zu tun, und bei den Begünstigten.

«Es gibt eine Dame, die jede Woche kommt, aber nur sehr wenig Ware nimmt», erzählt H-L. «Am Anfang habe ich nicht verstanden, warum. Dann habe ich sie beobachtet: Sie kommt früh, unterhält sich draussen mit den anderen Begünstigten. Drinnen redet sie mit den Freiwilligen. Offensichtlich ist für sie der soziale Aspekt entscheidend. Einmal pro Woche trifft sie hier Menschen, die sie verstehen und nicht über sie urteilen. Hier hilft man sich gegenseitig.»

Am Anfang wurden die Empfänger:innen mit ihrer Kartennummer angesprochen – der Anonymität wegen. «Das hat mich gestört», sagt H-L. «Es geht um vollwertige Menschen, nicht um Nummern. Als ich fragte, ob wir sie mit Vornamen ansprechen dürfen, waren alle einverstanden. Die Leute kennen sich unterdessen sowieso fast alle.»

 

Hier geht's zur Website: Al Oron t’aide