Al Oron t'aide - Ein Ort der Begegnung und Unterstützung

Als der Verein Al Oron t’aide im September 2019 zum ersten Mal seine Türen öffnete, holten fünf Personen Essen ab. Heute sind es fast 170 Personen, die wöchentlich durch die Lebensmittelabgabestelle versorgt werden.

Es ist 13.00 Uhr im Verteilzentrum des Vereins Al Oron t’aide. Zwei Lieferwagen der Schweizer Tafel warten bereits vor dem Eingang, das dritte Fahrzeug wird etwas später eintreffen. Der Präsident des Vereins, Henri-Louis Doge (von allen H-L genannt), ist unterwegs. Auf dem Weg holt er noch Sandwiches und Brot von einer Bäckerei, die die unverkauften Waren des Wochenendes spendet. Diese werden zusätzlich zu den von der Schweizer Tafel mitgebrachten Waren in den Kisten für die Begünstigten verteilt. Als er ankommt und die Türen öffnet, werden die Freiwilligen sofort aktiv: Sie laden die Kisten aus dem Lieferwagen aus, füllen die Ware in ihre eigenen Kisten um und bringen sie dann herein. Die Freiwilligen sind eingespielt, sie wissen, was sie tun, alles geht sehr schnell.

Danach geht es sofort weiter in den ersten Stock: Die Ware wird sortiert und dann gleichmässig auf die Kisten verteilt. Darin enthalten sind Lebensmittel für ein oder zwei Personen, mit oder ohne Schweinefleisch. Ich bin beeindruckt von der Effizienz und Schnelligkeit der Freiwilligen. H-L erklärt mir, dass die Empfängerinnen und Empfänger die gewünschten Waren zu Beginn selbst auswählen konnten. Mit der wachsenden Zahl der Empfänger:innen nimmt dies aber zu viel Zeit in Anspruch. Ich frage ihn, ob beim Packen der Kisten auch andere Ernährungsgewohnheiten berücksichtigt werden: «Eine Person hat uns mitgeteilt, dass sie Veganerin ist. Wir sorgen dafür, dass ihre Kiste entsprechend zusammengestellt wird. Beim Einpacken können die Klientinnen und Klienten nicht benötigte Lebensmittel in der Kiste zurücklassen. Wir finden immer eine Lösung und verstehen auch, dass es nicht für alle möglich ist, um 15.30 Uhr hier zu sein. Wenn wir dies frühzeitig wissen, bereiten wir eine Kiste vor und stellen sie draussen hin, damit sie zu einem späteren Zeitpunkt abgeholt werden kann.»

Obwohl die Abgabe erst um 15.30 Uhr startet, kommen die ersten Personen bereits um 14 Uhr an. Bei der Ankunft zeigen sie am Eingang ihre Begünstigtenkarte, zahlen 1 Franken als symbolischen Beitrag und gehen dann wieder nach draussen, um zu warten, bis sie aufgerufen werden. «Die Begünstigten erhalten ihren Ausweis von der IV oder vom Sozialamt. Wir haben aber noch eine andere Form der Karte eingeführt, die «Nachbarschaftskarte»: Menschen, die armutsgefährdet sind, also knapp über der Armutsgrenze leben, sind manchmal noch schlechter dran, weil sie gar keine Unterstützung erhalten. Ein Mitglied des Komitees kann dann beschliessen, für Menschen in dieser Situation eine «Nachbarschaftskarte» zu vergeben. Das Problem ist, dass die Zahl der Bedürftigen ständig steigt. Die Grenze unserer Kapazität liegt wahrscheinlich bei etwa 200 Personen. Wenn wir diese Zahl erreichen, werden wir gezwungen sein, Bedürftige abzulehnen“.

Während die Freiwilligen mit dem Packen der Kisten beschäftigt sind, frage ich H-L, was ihn dazu motiviert hat, den Verein zu gründen. «Ich war früher Lehrer, ich habe immer gerne Lager und Aktivitäten organisiert, aber nicht alleine! Ich bin sehr dankbar, dass ich alle diese hilfsbereiten, effizienten und großzügigen Freiwilligen gefunden habe, die mich hier unterstützen. Die Freiwilligen sind sehr motiviert. Ich bin der Leiter, aber ich bin nicht jemand, der Befehle erteilt. Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, tue ich das natürlich. Aber ich frage die Freiwilligen immer nach ihrer Meinung, sie haben oft gute Ideen.» Er ist sichtlich gerührt von dem Engagement der Menschen um ihn herum. Jeden Montag kommen zehn bis zwölf Freiwillige zur Arbeit. Insgesamt teilen sich etwa 50 aktive Freiwillige mindestens einmal im Monat die Schichten. Die Arbeit ist anstrengend, die Kisten sind schwer und der Altersdurchschnitt ist ziemlich hoch. Es wäre schön, wenn wir ein paar junge Leute finden würden, die bereit wären, mitzuhelfen und die Nachfolge zu übernehmen.»

Es ist 15:30 Uhr, die Türen öffnen sich und alles geht sehr schnell. Die Menschen werden in kleinen Gruppen aufgerufen und dann im ersten Stock zu ihren Kisten geführt, wo sie die Waren in ihre Taschen abfüllen. Auf dem Weg nach unten können sie noch Salate, Kartoffeln und Bananen mitnehmen, die in Selbstbedienung angeboten werden. Heute gibt es sogar noch eine Überraschung: Zum ersten Mal hat die Schweizer Tafel Glace geliefert. Bei 30 Grad Aussentemperatur ist das eine willkommene Erfrischung! Es ist genug für alle da. Kinder und Erwachsene strahlen um die Wette und auch die freiwilligen Helfer:innen freuen sich.

Al Oron t’aide ist vor allem ein Ort der Begegnung. Sowohl bei den Freiwilligen, die sich treffen, um gemeinsam eine gute Tat zu vollbringen, als auch bei den Begünstigten, ist das Gemeinschaftsgefühl sehr präsent: «Es gibt eine Dame, die jede Woche kommt, aber nur sehr wenig Ware nimmt. Am Anfang habe ich nicht verstanden, warum. Dann habe ich sie ein wenig beobachtet und gesehen, dass sie früh kommt und sich dann draussen mit den anderen Begünstigten unterhält. Sobald sie drinnen ist, unterhält sie sich mit den Freiwilligen. Offensichtlich ist für sie der soziale Aspekt von grosser Bedeutung. Einmal pro Woche trifft sie hier Menschen, die sie verstehen, nicht über sie urteilen. Hier hilft man sich gegenseitig», erzählt uns H-L weiter.

Um ihre Anonymität zu wahren, wurden die Empfänger:innen zunächst mit ihrer Kartennummer angesprochen. «Das hat mich gestört. Es geht um vollwertige Menschen, nicht nur um Nummern. Als ich sie fragte, ob wir sie mit ihren Vornamen ansprechen dürfen, waren alle einverstanden. Die Leute kennen sich unterdessen sowieso fast alle», ergänzt H-L.

Ohne die von der Schweizer Tafel gelieferten Lebensmittel könnten Organisationen wie Al Oron t’aide ihre Arbeit nicht durchführen.

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